Archiv der Kategorie: Jahresverlauf

Apfelwein-Suppe

Lina Heilhecker vom Hof Petershammer hat vor gut 100 Jahren ein Rezept für eine Apfelwein-Suppe aufgeschrieben. Dank Lilli und Martin Klein dürfen wir es hier mit Euch teilen. Da vermutlich nicht jeder die Kurrantschrift lesen kann folgt hier eine Übersetzung von Martin:

Apfelwein-Suppe (mit Milch)

1 1/2 Shop. Apfelwein, 1 Schop. Wasser, Zimt, 3 Schop. Milch, 2 – 3 Esslöffel Zucker, 1 – 2 Eier, Mehl

Apfelwein Wasser wird ans Kochen kommen lassen (bis schäumt) Milch, Mehl eingerührt wieder langsam ans Kochen kommen lassen unter ständigem Rühren bis sie glatt ist

Lina Heilhecker, um 1920

Kloster Reinborn

Fern rauscht der Wald, beraubt noch von den Blättern,
im Sonntagsfrieden, Feld und Fluren leer,
der Sonne Gold strahlt noch des Winters Wettern,
da hält es mich im engen Raum nicht mehr.

Zum reinen Born geht heut mein Frühlingsfahren,
da, wo einmal ein stilles Kloster stand,
wo fromme Mönche schon vor vielen Jahren
sein Wasser tranken aus der hohlen Hand.

Ein Waldtal schmal und eine grüne Wiese
durchschreite ich: das Tal der Tiefenbach.
Es mutet heimisch wie im Paradiese,
und ich vergaß des Alltags Ungemach.

Die Drossel singt hinaus vom hohen Baume,
dem holden Frühling ihren ersten Gruß,
Schneeglöckchen ist erwacht aus seinem Traume,
in Blüten prangen Weid und Haselnuss.

Das Bächlein rinnt und raucht und eilt zum Meere,
leicht über Schieferstein das Tal hinab,
es dreht das Mühlrad sich von seiner Schwere,
bis es versinkt in fernen Flutengrab.

So komm ich denn allmählich bis zur Höhe,
in dieser stillen Waldeseinsamkeit.
Nur scheu und schüchtern flüchten einge Rehe,
hab keine Angst, ich tu Euch nichts zur Leid.

Am Hünengrab Goldkessel bleib ich stehen,
durch Jahrtausende schweift hin mein Blick...
So ist das Leben, Werden und Vergehen...
Und nur ein kühler Hügel bleibt zurück.

Das Kloster ist verbrannt in Kriegesnöten,
es steht nur noch sein stilles Gotteshaus.
Wallfahrer, Pilger pflegten da zu beten,
in seinem Alter strahlt es Erfurcht aus.

Am reinen Born und tausendjähriger Linde,
da liebe ich die stille Einsamkeit.
Und wenn das Kloster heute noch da stünde,
so tauschte ich die Kutte mit dem Kleid.

Text: Ludwig Bund, Palmsonntag 1938

Esch im goldnen Grund

Zwischen Bergen, zwischen Wäldern,
in der Sonne goldnem Strahl,
zwischen dunkelgrünen Feldern,
ist mein schönes Heimattal.
Wo zwei Bäche sich vereinen,
schließen ihren ewgen Bund.
Stolz von Dörfern gross und kleinen,
liegt mein Esch im goldnen Grund.

Schöne Mädchen, schlanke Knaben,
halten noch das Turnen wert.
Stählen ihres Körpers Gaben,
wie es "Vater Jahn" gelehrt.
Kühn im Wägen. Mut im Wagen,
turnen recht aus Herzensgrund,
turnen noch in älteren Tagen,
Heil mein Esch im goldnen Grund.

Drum Ihr Töchter rund Ihr Söhne,
ais dem schönen Heimmattal,
kommt in Eurer Jugendschöne,
kommt zum Turnen allzumal.
Turnt zu Eurem Nutz un Frommen,
turnen macht das Herz gesund.
Herzlich seid ihr uns willkommen,
turnt mit uns im goldnen Grund.

Text: Ludwig Bund
Melodie: Peter Johann Peters "Strömt herbei ihr Völkerscharen", 1867 

Fußwallfahrt Köln-Walldürn

Teilnehmer der 371. Fußwallfahrt Köln – Waldürn treffen am 14. Juni 2019 in Esch ein.

Im Jahr 1648, also nach Ende des dreißigjährigen Krieges begannen Pilger aus Köln sich zur Wallfahrtzeiit eines jeden Jahres auf den etwa 270 Kilometer langen Fußweg nach Walldürn zu machen. In der dortigen Wallfahrtsbasilika befindet sich eine Reliquie als Zeugnis eines Blutwunders, das dort im 14. Jahrhundert stattgefunden haben soll.

Seit dem Beginn der Wallfahrt machen sich, unterbrochen durch Kriege und sonstige Unwägbarkeiten, jährlich einige hundert, zweitweise sogar mehrere tausend Menschen von Köln-Urbach aus auf den Weg durch den Westerwald, über die Lahn, durch den Taunus und am Main entlang nach Waldürn in Baden-Würtemberg.

In früheren Zeiten, zumindest vor dem 2. Weltkrieg, verdienten sich die Escher Kinder und Jugendlichen ein paar Mark dazu, indem sie das Gepäck der Pilger zur nächsten Station schafften. Heute wird die Wallfahrt mit Bussen unterstützt.

Eine Station ist heute auch die Katholische Kirche St. Thomas in Esch, wo eine Rast eingelegt wird.

Der erste Kartoffelkäfer

Feldarbeit 1941. Foto von Irmgard Pfeil

Die Kartoffel wurde wohl um 1615 in Nassau zunächst als Zierpflanze heimisch. Erst im 18. Jahrhundert wurde sie auch zur Ernährung der Bevölkerung genutzt, anfangs noch als seltene Sonntagsspeise. Um 1750 wurde sie in Preußen mit den so genannten „Kartoffelbefehlen“ Friedrich II. massiv verbreitet. Auch in den Nassauer Herzogtümern halfen Kartoffeln, die Auswirkungen von Missernten in den 1770er Jahren zu mildern. Seither gehört die Kartoffel zu den grundlegenden Nahrungsmitteln.

Da die Kartoffel aus Südamerika importiert worden war gab es zunächst keine Schädlinge, die der Pflanze im großen Umfang gefährlich werden konnten. Erst im 19. Jahrhundert kamen die Kartoffelkäfer über die großen Häfen nach Europa. Bis in die 1910er Jahre beschränkte sich ihr Vorkommen auf das westliche Europa, vor allem Frankreich. Im 1. Weltkrieg verbreitetet Deutschland im Rahmen der Propaganda, dass Frankreich die Käfer per Flugzeug über Deutschland abwerfen wolle, um die Kartoffelernte zu vernichten.

In den 1930er Jahren tauchten dann tatsächlich erstmals im nennenswerten Umfang Kartoffelkäfer in Deutschland auf. Im 2. Weltkrieg wurde der Käfer wieder Mittel zur Propaganda. Deutschland und England beschuldigten sich gegenseitig, die Insekten aus Flugzeugen über dem jeweils anderen gebiet abzuwerfen. Dafür, dass das tatsächlich passierte, gibt es keine historischen Belege.

Albert Bund berichtete Esch historisch von der ersten Entdeckung des Käfers in Esch. Es muss wohl im Jahr 1942 gewesen sein, als erstmals ein Käfer auf dem Kartoffelacker von Julius Fischer am Heftricher Weg gegenüber des jüdischen Friedhofes entdeckt wurde. Das ganze Ort kam aufgeregt an Ort und Stelle zusammen, und natürlich war man sich sicher, dass der Ami die Käfer abgeworfen haben muss. In der Folge wurden Maßnahmen des 1935 gegründeten „Kartoffelkäfer-Abwehrdienstes KAD“ des Reichsernährungsamtes umgesetzt. Da gab es z.B, die Kartoffelkäfer-Fiebel, die an die Schulkinder verteilt worden waren. Die Kinder bekamen auch in den Folgejahren, in denen die Kartoffelkäfer-Plage sich zusehends ausweitete, mit Ihren Lehrern fallweise den Auftrag, im Feld „Kartoffelkäfer lesen“ zu gehen. Das bedeutete statt Schulbank einen Tag im freien und wurde, so Albert Bund, in der Regel begeistert aufgenommen.

In der Folge versuchte man dem Käfer mit allerhand Mitteln bei zu kommen, u.a. brachten die amerikanischen Besatzer Pestizide mit, wie etwa das gesundheitlich sehr bedenkliche Lindan. In Ermangelung geeigneter Gefäße haben dies die Escher in den Hungerjahren nach dem Krieg, wie etwa 1947, in Strümpfen nach Hause getragen und teils deutlich überdosiert aufgebracht, erinnert sich Albert Bund. Dennoch hat sich der Kartoffelkäfer bis heute in Esch gehalten, und ich kann mich auch noch daran erinnern, wie ich als Kind in den 1980er Jahren mit meinem Opa in der Besch die Käfer und Larven in eine alte Blechdose gelesen habe, um sie dann in der Emsbach zu ersäufen.

Aus Erwin Gros‘ „Winkelhude und anderes“

Veteran Schlössermann

Im blauen Ländchen lebte noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Veteran Schlössermann. Er war, soviel ich weiß, Schweinehirt in Nordenstadt. Er hatte die Feldzüge der nassauischen Regimenter in Spanien und Flandern mitgemacht. Lebhaft und anschaulich wußte er von seinen Abenteuern zu erzählen, und weil er eine rege Einbildungskraft besaß, darum kam mit der Zeit manches hinzu, und je öfter er es wiedergab, desto mehr wurde es für ihn selbst Tatsache und Wahrheit. Und zuletzt war der Veteran Schlössermann so gewachsen, daß er neben Napoleon als gleichwertige, historische Persönlichkeit stand.

Doch lassen wir ihn selbst erzählen. Er sitzt im Wirtshaus bei einem Glas Hohenastheimer, eine Weile lässt er sich nötigen, dann hebt er also an:

Also, ihr Leute, das war in dem Jahr, wo der Bonaparte wieder Krawall mit Österreich anfing, da mußte unser Herzog auch ein Regiment stellen. „Schlössermann“, sagte unser Schultheiß, „Schlössermann, du bist ein ganzer Kerl, da mußt du mit, da hilft nix, wenn’s die Ehre vom blauen Ländchen gilt.“ Na, was wollt ich da machen, ich hatte mich zwar freigelost, da aber hieß es, nix wie mit! Also, wir werden einexerziert, stramm, sage ich euch, dann kamen wir an die Donau, und der kleine Korporal hielt selbst die Revue über uns ab. Und wie er so die Front hinunter geht, da bleibt er auf einmal bei mir stehen und guckt mich an, ich sage euch, er guckt mich an, das ist gar nicht zu beschreiben. Dann fragt er mich: „Wie heißt du, mein Sohn?“ „Schlössermann, Majestät“, antwortete ich. „So“, sagte Napoleon, „das ist der Schlössermann, ja, ich habe mir das doch gleich gedacht, das ist ein Mann von dem Holz, aus dem man Helden schnitzt“; – aus dem man Helden schnitzt, hat er gesagt, Leute! Dann ging er weiter; nachher kam er noch einmal zurück und sagte: „Schlössermann, ich werd dich nicht vergessen!“ „No“, sagte ich, „Majestät, wir bleiben ja noch eine Zeitlang beeinander!“

Und so war’s auch; wir marschierten nach Spanien, – eine schöne Gegend, aber ungemütliche Leute; aus allen Ecken kamen die blauen Bohnen geflogen, sogar die Weibsleute waren wie der leibhaftige Satan darauf versessen, unsereinem das bißchen Lebenslicht auszublasen. Erst wie wir nach Madrid kamen, da wurde es ein klein wenig gemütlicher, da lag doch zuviel Militär, da haben sie sich nicht an uns so herangetraut wie draußen in den Bergen, wo die vielen Schlupfwinkel waren.

Da stehe ich eines Tages im Escorial, das ist ein großes Schloß, noch schöner als unserem Herzog seins zu Biebrich, also da stehe ich Posten auf einem ganz langen Hausgang, rechts und links eine Türe an der anderen. Auf einmal, wie ich an der Treppe bin, – grad hat ich gedacht, was werden sie denn jetzt daheim machen, – da klopft mir jemand auf die Schulter, ich dreh mich um, richtig, es war der Bonaparte.

„Na, Schlössermann, wie geht’s?“

„Danke der Nachfrage, Majestät, gut.“

„Wie ist die Verpflegung, Schlössermann?“

„Na, Majestät, man hat sich so langsam an die spanische Küche gewöhnt!“

„Weißt du auch schon, Schlössermann, daß ich nach Rußland ziehe?“

„Jawohl, Majestät, – aber das tät ich nit, da wär mir’s zu kalt, da verfriert man sich alle edleren Teile!“

„Das verstehst Du nit, Schlössermann.“

„Nix für ungut, Majestät, aber wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann bleiben Sie von dem Kosakenland weg, die Sache gerät nit!“

Eine Weile stand der Napoleon ganz in tiefen Gedanken versunken, genau so habe ich ihn auf dem Bild daheim, dann sagte er: „Schlössermann, du kannst recht haben, hätte ich dich nur eher gefragt, aber die Sache ist schon zu weit, der Handel kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ja, aber wir bleiben gute Freunde!“

„Wir wollen’s hoffen, Majestät!“

Aber seht, ihr Leute, das ist nit so geblieben, ich hatte recht gehabt mit Rußland, hätte er mit gefolgt, er wäre heute noch Kaiser von Frankreich und ich wäre was anderes als Euer Schweinehirte, das könnt ihr glauben. So aber konnten wir zwei nit mehr Freunde bleiben, er kam auf die eine Seite und ich auf die andere. Jetzt sagten wir zum Engländer gut Freund und fuhren mit seinen Schiffen nach Flandern. Und da war der letzte Tanz. Der Napoleon war von Elba herübergekommen und hatte im Handumdrehen wieder eine große Armee auf die Beine gebracht.

Ich sehe es heute noch, wie wir auf einer kleinen Anhöhe standen bei einem Bauernhof, noch größer wie dem dicken Bauern in Nordenstadt seiner, auf einmal kam der Herzog Wellington auf seinem Schimmel angesprengt, hinter ihm ein lander Schwanz von Adjutanten und Generälen.

„Seid ihr Nassauer bereit?“ rief er mit lauter Stimme.

„Jawohl“, schrien wir.

„Ist auch der Korporal Schlössermann von Nordenstadt da?“

„Jawohl“, sagte ich, trat aus dem Glied und schulterte mein Gewehr.

„Das ist gut, dann kann die Schlacht bei Bellalliance oder Waterloo losgehen!“ sagte der Wellington und winkte mit der Hand.

Und da gings los, ich sage euch daß einem schier Hören und Sehen verging. Aber wir standen wie die Mauern. Am Nachmittag, wie der Wind einmal den Pulverdampf weggeblasen hatte, da sah ich plötzlich, wie der Marschall Ney auf den Bonaparte zureitet, und was da zugegangen ist, hat mir ein guter Freund aus dem Elsaß, den ich nachher im Lazarett getroffen habe, erzählt. Also der Marschall Ney sagte zum Napoleon, „Majestät, die Garden müssen daoben hinauf und den Hügel und den Bauernhof erstürmen, dann ist die Schlacht gewonnen.“

„Wer steht da oben, Herr Marschall?“, fragte der Kaiser.

„Das weiß ich nit“, antwortete der Marschall.

„Dann soll ein Adjutant mal heranreiten und zusehen.“

Und was glaubt ihr, kommt da ein Adjutant bis an die Mauer heran und ruft: „Was seid ihr für Leute?“

„Wir sind Nassauer“, schreien wir.

Er seinen Gaul herumgedreht, fort war er und wieder beim Napoleon.

„Na!“, sagte er.

„Majestät, da stehen die Nassauer.“

„Die Nassauer“, sagte Napoleon und schüttelte ganz verzweifelt den Kopf, „da ist mein Freund Schlössermann dabei, da hilft’s nix, da kommen wir nit durch.“

Ja, ihr Leute, so ging die Schlacht bei Bellealliance oder Waterloo verloren, und der Napoleon mußte nach St. Helena, wo er elendig gestorben ist.

„Schad‘ um den Mann, er konnt‘ auch mehr wie Brot essen!“

Quellen:

Gros, E. (1925) Winkelhude und anderes. Oranien-Verlag Herborn.

Eine schlimme Wolfsjagd

Kurz nacherzählt nach Gross, August, im Heimatjahrbuch des Untertaunus 1963

Nach den Wirren des dreißigjährigen Krieges war die Pfarrestelle in Esch lange Zeit nicht besetzt. So war Georg Christian Rüger aus Walsdorf, dessen Sohn Johann Conrad Rüger später das Haus in der Kirchgasse 1 erbaute und der erste Pfarrer nach dem Krieg in Esch wurde, neben Walsdorf auch für Esch und Reinborn zuständig. Durch seine Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern und Archivalien im Staatsarchiv zu Wiesbaden lässt sich eine tragische Geschichte nachvollziehen, die sich im Januar 1665 in den Wäldern zwischen Dinkelstein und Diersbach, am so genannten Wolfseck oder Bottseifen, abspielte.

So hatte nach vielen Jahren der Entbehrungen und des Leidens, Niederems 1648 nur noch drei Hausgesäße und zwei Handvoll Einwohner. In den folgenden Jahren gab sich der Schultheiß Johann Ludwig Henche jede Mühe, dem Dorf wieder Auftrieb zu verschaffen. Nach und nach siedelten sich Vertriebene aus anderen Teilen des Landes an, und mancher Hof wurde wieder bewirtschaftet. Mit der steigenden Einwohnerzahl konnten die Menschen in Niederems auch wieder die Aufgaben der Saat und Ernte in größerem Umfang versehen, und Eheschließungen und Kindersegen kamen hinzu. So heirateten dann auch im Mai des Jahres 1664 der Sohn des Schultheiß, Hanns Heinrich Henche und Margarethe Metze, und alsbald durfte man auch Nachwuchs für das kommende Frühjahr erwarten und der alte Henche war sich des Fortbestandes seines Geschlechtes sicher. Im Herbst konnte  dann auch erstmals wieder ein Erntetanz an der Linde gefeiert werden, und zum ersten Mal zog so etwas wie Frohsinn in die Gemüter der geschundenen Niederemser ein.

Der Winter 1664 auf 1665 war jedoch sehr hart, und zwischen den Jahren schneite es stark. In der Neujahrsnacht 1665 hörten die Niederemser nicht nur das Heulen des Sturms, der durch die Strohdächer bließ, sondern von den Wäldern in Richtung Esch auch das Heulen der Wölfe, deren Jagd aufgrund der Mühsal des Krieges und des Wiederaufbaus lange Zeit vernachlässigt worden war. Wer durch diese Wälder nach Rod oder Heftrich gehen musste, der tat gut daran, ein Gewehr oder Pistolen mitzunehmen.

In der zweiten Woche nach Neujahr erhielt der Schultheiß dann Kunde aus Idstein, dass für den 13. Januar eine Treibjagd auf die Wölfe angesetzt sei, für die sich die Männer und Burschen von Esch, Wüstems und Niederems samt der vorhandenen Waffen zur Verfügung zu stellen hatten. In dem Gebiet, das heute Wolfseck heißt, oberhalb der Diersbach, hatte man drei große Wölfe ausgemacht, denen man beikommen wollte.

Und so zogen die Niederemser, unter ihnen auch der werdende Vater Henche Junior, am frühen Morgen durch den tiefen Schnee bergaufwärts. Doch der alte Förste Schopper aus Idstein stürzte im Schnee und ein Schuss löste sich aus seiner Muskete. Sie traf den Hanns Henrich Henche tödlich in den Hals, so dass am Mittag nicht nur zwei tote Wölfe, sondern auch der verstorbene  Sohn des Schultheiß, auf den er seine Hoffnung als Stammhalter auf seinem Hofe gesetzt hatte, ins Dorf getragen wurden.

Nur vier Tage später, so sagen es die Kirchenbücher, starb auch die Witwe des Juniors, Margarethe, noch bevor sie ihr Kind zur Welt bringen konnte. Man kann sicher annehmen, dass zwischen den beiden Todesfällen eine Verbindung besteht, und vielleicht starb Henches Schwiegertochter am Kummer um ihren Mann.

Der Hof des Schultheiß Henche besteht dennoch bis in die heutige Zeit fort. Die Schwester des Verstorbenen heiratete eine Zeit danach den Sohn des Wörsdorfer Schultheiß Bott. Diese Sippe erhielt das Haus (heute „An der Linde 4“) bis in das 19. Jahrhundert, wovon auf die Innschrift im Sturzbalken des Scheunentors

Anno 1737 disser Bau steht in Gottes Hand Gott bewar es vor Feuer und Brand in Gottes Schutz steh ich / Adam Peter Bod u s

zeugt. Ein Wiese in der oben beschriebenen Wolfseck heißt bis heute „Bottseifen“. Durch Heirat wechselte der Name der Sippe um 1860 zu Rücker. Friedrich August Rücker ließ das heutige Wohnhaus erbauen.

Quellen:

Kreisausschuss des Untertaunuskreises (ed.) (1963) Heimatjahrbuch ‘Der Untertaunus’.

Dickwurzmann

Ein Dickwurzmann oder gloonischer Mann, 2011

Ein Dickwurzmann oder gloonischer Mann, 2011

Schon lange bevor Halloween, der Abend vor Allerheiligen, als Spaß für die Kinder von den USA nach Deutschland schwappte gab es im Taunus den Brauch, im Herbst Laternen aus Zuckerrüben oder Futterrüben (Dickwurz) zu gestalten und diese vor die Häuser zu stellen oder (ohne sich zu verkleiden) durch die Straßen zu tragen. Auch in Esch war dies bis in die 1990er Jahre üblich, allerdings noch weitgehend ohne das Klingeln an den Häusern und die Bitte um Süßigkeiten. Dies war hier eher an Fastnacht üblich.

Die Laternen wurden „Dickwurzmann“ genannte, weiter Richtung Westerwald auch „gleunischer Mann“. Teilweise wurden diese dann noch zusätzlich auf Bohenstangen gesteckt, so konnte man mit ihnen bei Dunkelheit auch in die Fenster der Häuser hinein schauen. Inzwischen wurden die Dickwurz, auch weil hier kaum noch welche angebaut werden, weitgehend von Kürbissen abgelöst, die sich im übrigen auch einfacher bearbeiten lassen und größer sind. Diese werden dann auch nicht mehr herum getragen, sondern dienen der Dekoraktion der Häuser.

Advent und Weihnachten

Weihnachtliche Grußkarte aus Esch, Foto von R. Wick

Weihnachtliche Grußkarte aus Esch, Foto von R. Wick

Viel spezielles Brauchtum in der Weihnachtszeit ist mir aus alten Tagen nicht überliefert worden. Ich erinnere mich an verschiedene Veranstaltungen in der Vorweihnachtszeit, von denen ich hier berichten kann.

Traditionell begann bzw. beginnt die Weihnachtszeit nach dem Totensonntag. Vorher, so haben es meine Mutter und meine Omas schon immer gehalten, gehört sich das anbringen von Weihnachtsschmuck nicht. Das erste sichtbare Zeichen das es Weihnachten wird ist sicher der traditionelle, elektrisch beleuchtete Weihnachtsbaum. Der Stand früher vor dem Rathaus, jetzt steht er am Parkplatz vor dem DGH in dem dortigen „Baumständer“, der auch einen Kerbebaum aufnehmen könnte.

Weihnachtskarten Esch – Ansicht Borngasse / Kirchgasse. Foto von R. Wick

Über die Zeit entwickelten sich verschiedene Veranstaltungen, die hin und wieder auch wieder verschwanden, so ein Adventsbasar im Kindergarten, für den wir Kinder Baumschmuck und Kerzenständer aus Staniolpapier bastelten und meine Mutter Häkeldeckchen anfertigte. Ende der 80er, vielleicht bis Mitte der 90er, gab es auf dem Parkplatz zwischen ehemaliger Turnhalle und heutigem Dorfgemeinschaftshaus einen Weihnachtsmarkt des Gewerbevereins, bei dem sich Waldemser Gewerbetreibende präsentierten.

Im DGH findet auch die Seniorenweihnachtsfeier statt, die ich auch unter dem Begriff „Altennachmittag“ kennen. Bis zu seiner Auflösung sorgte der Frauenchor hier für die Bewirtung, inzwischen wird das vom Ortsbeirat organisiert. Die Weihnachtsfeier des Turnvereins fand meist am selben Wochenende statt, so dass in der Turnhalle bzw. später im DGH nur einmal weihnachtlich dekoriert werden musste und der Sportbetrieb nicht zu lange ruhte. Bei dieser Feier gab es Vorführungen der einzelnen Abteilungen und der Nikolaus (ganz traditionell mit Bischhofsmütze) bescherte die jüngeren Mitglieder. Der Frauenchor veranstaltete bis zuletzt auch ein Adventssingen vor dem DGH, an dem auch die Sängervereinigung 1883 Esch e.V. teilnahm. In den 1990er Jahren bis zum Anfang der 2000er kam der Nikolaus am Nikolausabend ins Feuerwehrhaus in der Schulgasse, wo die Eltern vorher die kleinen Geschenke für die Kinder abgeben konnten, die dann vom Nikolaus im roten Mantel an die Kleinen ausgegeben wurden.

Der Nikolaus bei der Weihnachtsfeier des TV Esch 1985

Der Nikolaus bei der Weihnachtsfeier des TV Esch 1985

Die Weihnachtstage selbst sind traditionell Tage für die Familie. Entweder in der evangelischen oder der Katholische Kirche findet am Nachmittag des heiligen Abend ein ökumenischer Kindergottesdienst, oft mit Krippenspiel, statt. In den Kirchen gibt es dann die jewieligen Feiern an den Folgetagen. Trotz der Ruhe und Einkehr hat in manchen Jahren, insbesondere zu Zeiten von Peter Sedlak als Wirt, auch das Gasthaus Zur Krone am späten Heiligabend geöffnet. Auch der Club 74 hatte an den Weihnachtsfeiertagen auf.

Mit dem 27. Dezember schloss sich dann die Zeit zwischen den Jahren an, die ebenfalls besondere Eigenheiten aufweist.